September - Dezember 2002
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Die Wortergreifung
Chronik einer nicht angekündigten Rebellion
Von Anne Huffschmid
Kulturelle Vielfalt - Start
© Foto: Emiliano Thibaud
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Emiliano Thibaud: Milizen der EZLN, San Cristóbal de las Casas
Eine Handvoll Stadtguerilleros gründen zusammen mit politisierten Indio-Führern in der südöstlichen Provinz Chiapas das Ejército Zapatista de Liberación Nacional, die Zapatistische Armee zur Nationalen Befreiung (EZLN). Erster Kulturschock der urbanen Marxisten: das Zusammenleben mit den indigenen Dorfgemeinschaften.
Die Presse berichtet von Zusammenstößen zwischen der Bundesarmee und Unbekannten in den Lacandonischen Wäldern. Der Innenminister: "Hier gibt es keine Guerilla."
Am 1. Januar tritt das Nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA zwischen Mexiko, Kanada und den USA in Kraft - ein Erfolg für die mexikanische Regierung. In derselben Nacht besetzen Truppen der EZLN mehrere Bezirkshauptstädte in Chiapas. Im ersten Manifest (Ya basta - Es reicht!) wird noch in martialischen Worten der Regierung der Krieg erklärt. Dieser dauert jedoch nur ein paar Tage, es gibt 150 Tote auf beiden Seiten. Am 12. Januar demonstrieren hunderttausende in Mexiko-Stadt gegen das Vorgehen der Armee, Präsident Salinas verkündet einen bis heute andauernden Waffenstillstand. Zweiter Kulturschock: die Begegnung mit einer "zivilen Gesellschaft", die weder revolutionären Krieg noch blutige Aufstandsbekämpfung will.
Kaum vier Wochen später gibt Subcomandante Marcos sein erstes Presse-Interview, Ende Februar kommt es zum ersten Gesprächsversuch zwischen Regierungsgesandten und EZLN-Vertretern in der Kathedrale von San Cristóbal. Ein 32-Punkte-Plan wird verabschiedet, der soziale, aber keine politischen Forderungen berücksichtigt; im Juni teilt die EZLN mit, dass die Basisgemeinden mit knapp 97% gegen den Plan gestimmt haben.
Zweieinhalb Wochen vor den Präsidentschaftswahlen machen sich 700 Journalisten, prominente Intellektuelle und ein paar Tausend zivile Anhängerinnen der EZLN auf den Weg in eine Lichtung im Lacandonenwald, um dort die Convención Nacional Democrática (CND) abzuhalten. Die EZLN ruft nicht zum Wahlboykott, sondern zu einer "Stimme für die Demokratie" auf.
Kurz nach einem vertraulichen Treffen zwischen Regierungsvertretern und der EZLN-Comandancia kündigt Präsident Zedillo überraschend eine Großoffensive gegen die Guerilla an, erlässt Haftbefehle und gibt die geheimdienstlich ermittelte Identität der Führer, darunter des Subcomandante Marcos bekannt. Es kommt zu Protestaktionen im In- und Ausland ("Wir alle sind Marcos!"), kurz darauf muss die Offensive eingestellt werden.
Regierungs- und EZLN-Vertreter unterzeichnen am 16. Februar im Hochlanddorf San Andrés Larraínzar die ersten - und bislang einzigen - Teilabkommen (Acuerdos de San Andrés), in denen eine Reihe indigener Selbstbestimmungsrechte vereinbart sind. Die Fortsetzung der Gespräche zu Themen wie Entwicklung und Demokratie ist ausdrücklich vorgesehen. Die Acuerdos werden aber nicht umgesetzt, die EZLN kündigt den Dialog auf, eine von der parteiübergreifenden Parlamentskommission COCOPA ausgearbeitete Gesetzesinitiative wird von Zedillo blockiert. Paramilitärische Umtriebe im Konfliktgebiet nehmen zu.
Die Zapatistas laden zu einem "Intergalaktischen Treffen gegen den Neoliberalismus und für die Menschheit" erneut in den Lacandonendschungel ein, zu dem mehrere Tausend Teilnehmer aus über 45 Ländern der Welt anreisen.
Mit Comandante Ramona tritt erstmals eine Zapatista auf dem Zócalo von Mexiko-Stadt auf. Zugleich wird der Dachverband der unabhängigen Indio-Bewegungen gegründet, der Congreso Nacional Indigena (CNI), unter dem Motto "Nie wieder ein Mexiko ohne uns!"
Im Hochland von Chiapas kommt es verstärkt zu Massenvertreibungen zapatistischer Sympathisanten. Am 22. Dezember massakriert eine Gruppe indigener Paramilitärs im Flüchtlingslager von Acteal 45 unbewaffnete Frauen, Männer und Kinder während eines Friedensgebets. In den Folgemonaten werden Hunderte von ausländischen Menschenrechtsbeobachtern von der Zedillo-Regierung ausgewiesen. Die EZLN verstummt.
Ein langes Kommuniqué ("Masken und Schweigen") bricht die Funkstille und kündigt neue Initiativen an.
Fünftausend Frauen und Männer aus den Basisgemeinden der Zapatistas reisen durch die Republik, um für eine zweite Volksbefragung über indigene Autonomien zu werben, an der sich etwa zweieinhalb Millionen Menschen beteiligen.
Bei seinem Amtsantritt kündigt der neue Präsident Vincente Fox den Abzug von Militärstützunkten, die Freilassung gefangener Zapatistas und die Wiedervorlage der COCOPA-Initiative im Kongress an. Einen Tag später bricht die EZLN ihre sechsmonatige Funkstille mit einer Pressekonferenz im Lacandonendschungel. "Der Sturz der PRI war eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für den Wandel im Lande", heißt es in einem offenen Brief.
Um für die COCOPA-Initiative zu werben, machen sich die Zapatistas erneut auf den Weg durch die Republik. Am 11. März wird die Comandancia von Hunderttausenden auf dem Zócalo von Mexiko-Stadt empfangen, am 28. desselben Monats kommt es zu einem spektakulären Auftritt von der Tribüne des mexikanischen Kongresses. Nicht Marcos, sondern Comandante Esther spricht zu den Parlamentariern über die Vorteile indigener Autonomien.
Vier Wochen später verabschieden Senat und Kongress einen Gesetzesentwurf, der in wesentlichen Punkten weit hinter der ursprünglichen Initiative zurückbleibt; so sind indigene Gemeinschaften nicht wie gefordert als "Rechtssubjekte", sondern lediglich als Träger öffentlichen Interesses anerkannt. Erwartungsgemäß wertet die EZLN die Reform als "Verrat" und "schwere Beleidigung" - und bricht alle Kontakte ab. Seither ist Schweigen.
>> Eine Geschichte

Aus einem Gespräch von Subcomandante Marcos mit den Intellektuellen Carlos Monsiváis, Elena Poniatowska, Carlos Vázquez Montalbán und Bernard Cassen am 12.3.2001 in Mexiko-Stadt.
© Foto: Cuartoscuro. 1. Januar 1994, San Cristóbal de las Casas
Anne Huffschmid in MEXartes-berlin.de:

Frontera: Kurzfilm und Videoprogramm
Moderation, 29. September, 18.00 Uhr
Haus der Kulturen der Welt

Die Zapatistas - Politik und Performance
Diskussion, 15. November, 20.30 Uhr
Volksbühne

Biographische Angaben:

Die Journalistin und Kulturwissenschaftlerin Anne Huffschmid (Berlin, 1964) "pendelt" seit über zehn Jahren zwischen Berlin und Mexiko. In dieser Zeit hat sie sich, neben dem journalistischen Tagesgeschäft - u.a. als Korrespondentin der Berliner tageszeitung, als Kulturreporterin für die mexikanische La Jornada und Autorin für zahlreiche deutschsprachige Periodika und Magazine - vorzugsweise mit (inter-)kulturellen Kreuzungen beschäftigt, Beiträge für diverse Sammelbände und Fachzeitschriften veröffentlicht und u.a. den Band "Subcomandante Marcos. Ein maskierter Mythos" (Berlin 1995) herausgegeben.

>> Dissertation von Anne Huffschmid, 2002:

Diskursguerilla: Wortergreifung und Wider-Sinn.
Die Zapatistas im Spiegel der mexikanischen und internationalen Öffentlichkeit.
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